Zukunftsforum - future - art - strategies

Moderator: tjelinek

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Thomas J. Jelinek
concept artist • director • curator
http://www.nomad-theatre.org
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Zukunftsforum - future - art - strategies

Beitrag von tjelinek »

Die Zukunft der Kunst – Kunst der Zukunft
#Kunst und Demokratie #Ausnahmefall Kunst in der Gesellschaft im Ausnahmezustand #Definitionen des Kunstbegriffs im 21. Jahrhundert #Kunststrategien im 3. Jahrtausend

Kunst ist die Arena des Gegenwartsdiskurses
Das ist eine der vielen Definitionen des Begriffs Kunst, die mir sehr nahe liegt und mir in diesem Forum als Guideline für die Diskussion dienen soll.
Im Jahr 2020, dem Jahr der "großen Pandemie", die wahrscheinlich nicht die letzte sein wird, ist diese erste Umwältzung unserer Gesellschaft natürlich Triggerthema und Anlassfall um die schon immer virulenten Fragen zu Sinn und Unsinn,
und nicht zuletzt zur Kunstproduktion, zum Leben in und mit der Kunst von uns, den Menschen die sich tagtäglich mit den Themen der Gegenwart und dem Leben als Künstler*innen in einer goßteils ignoranten Gesellschaft herumschlagen, zu diskutieren.
Ich möchte zu Anfang einfach einpaar unterschiedliche Schlaglichter aus dem gegenwärtigen Diskurs zur Zukunft in die besagte Arena werfen, um diese vielleicht auch etwas abzustecken. Die Perspektiven und Detailthemen können aber gerne erweitert und ergänzt werden.

Kunst ist existenziell für die Demokratie
titelt Monika Grütters, Beauftragte der Deutschen Bundesregierung für Kultur und Medien, am 08. Mai 2020 im Tagesspiegel, in einem Gastbeitrag zur Kultur in der Corona-Krise.
Sie eröffnet ihren Artikel mit einem Blick auf "TRANSIT" , dem letzten Film von Christian Petzold, der bei der Berlinale 2019 seine Premiere hatte und zitiert aus dem Film: >>Im Transit ist alles flüchtig und ungewiss, niemand weiß, so heißt es im Buch und im Film, „ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder gar unser ganzes Leben“.<<
Kunst ist unverzichtbar in der Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen des Menschseins, auch und gerade in Zeiten, in denen Gewissheiten brüchig werden und gesellschaftliche Fundamente sich als fragil erweisen.
Hier eröffnet sich die Frage welche "Orte", Gegebenheiten Netze, Spiel- und Präsentationsorte, Öffentlichkeiten etc. braucht Kunst eigentlich?
Und damit zurück zum politischen Zitat:
>>Es wird Zeit, darüber zu diskutieren, wie diese Orte wieder einen angemessenen Platz in unserer Demokratie bekommen können.<<
https://amp-tagesspiegel-de.cdn.ampproj ... 13334.html

Hier machen sich zwei Seiten des Themas auf.
Die eine ist, daß es natürlich erfrischend ist einmal ein Wort aus der Politik zu hören, daß Kunst doch
eine relevante Größe im gesamten soziopolitischen Prozess einer Gesellschaft ist. Die intelligente Politk macht sich, zu recht, wie ich meine, sorgen um die "Integration" der Kunst in der Gegenwarstgesellschaft.
Aber, Kunst ist als "Störfaktor" wertvoll, als Widerspruch und damit als Diskursgenerator. Was sich im zitierten Artikel auch andeutet.
Die Frage lautet wohl wie viel Widerspruch eine Gesellschaft zulässt, was dann ein Gradmesser des Demokratielevels einer solchen wäre.
Aber gerade in Österreich wird seitens der Politik versucht der Kunst eine irgendwie bestimmte Funktion zuzuschreiben, die in meist bestürzendem Unverständnis fatal wirkt. Das in Wien gerade eine Ausnahmesituation, mit einer fachlich kompetenten Kultur-Stadträtin, vorliegt und mit der Autorin des Artikels auch in Deutschland durchaus kompetente Personen zur Sprache kommen dürfen, soll über den generellen Zustand in dem die Kunst und mit ihr die Kultur immer zuletzt kommt nicht hinwegtäuschen.
Das Europäische Problem potenziert sich in globalem Kontext.

Die zweite kommt aus der gegenüber liegenden Perspektive, die der Kulturschaffenden, der Künstler*innen. Wie wollen wir in einer Gesellschaft von dieser wahrgenommen, behandelt werden. Was muß sein und was dürfen wir nicht in Anspruch nehmen um nicht "korrumpiert" zu werden?

Künstler*innen sehen sich oft gerne als etwas außerhalb der allgemeinen Gesellschaft stehend, wobei aber zu entgegnen wäre, daß die sogenannte Szene nie homogen war, noch aufgrund seiner Zusammensetzung aus expliziten Individualist*innen sein konnte, beziehungsweise diese Art von Selbstinszenierung ja durchaus mit der Rezeption der Umgebung, des Kontexts der jeweiligen Gesellschaft korrespondiert. Und Künstler*innen-gesellschaften, mit wenigen Ausnahmen, durchaus bis jetzt nicht weit des gängigen Sozialgefüges oder Hierarchie der herrschenden Gesellschaft strukturiert waren und sind. Das gängigste Beispiel wäre, daß erst seit relativ kurzer Zeit Frauen in der Kunstgeschichte wie in der gegenwärtigen Wahrnehmung, außerhalb von Ausnahmeerscheinungen, eine halbwegs gleichgestellte Position zu Männern, auch im Narrativ der künstlerischen Produktion, haben.
Ebenso steht es mit dem Begriff Erfolg, die Definition ist hier, durchaus mehrheitlich, als mit den gängigen Gesellschaftsbildern kohärent zu beobachten.
Wie verhält sich also das Verhältnis zwischen Gesellschaft und den Menschen die die doch behaupten mit der Welt ein Wagins einzugehen?



Normalität
Normality2020.jpg
Eine Rückkehr zur sogenannten „Normalität“, wie von einer Mehrheit der politischen Entscheidungsträger beschworen, scheint nicht nur unrealisitisch sondern vielmehr fatal für das Überleben der menschlichen Spezies.
Die sogenannte "Corona-Krise" war nicht der erste, aber der erste "Warnschuß" der Biosphäre der global landen konnte. Anders gesagt in den Denkorganen der überwiegenden Menschheit wahrgenommen wird.


Kunst, Kooperation und das Verständnis Kooperativer Prozesse

Die „Darwingrenze“ * Entwicklung und Fortschritt als Geschichte des Scheiterns... ?

Erkennistheoretisch sind wir – damit meine ich eine breiter Öffentlichkeit, die nicht mit dem Stand des allgemeinen Wissens und schon gar nicht mit dem Stand der Wissenschaft zu verwechseln ist (!) - wohl jetzt an der zweiten Darwingrenze angelangt, in der Erkenntis, dass Entwicklung nicht aus dem harten Ausscheidungskampf, dem Struggle for Life, sondern aus Kooperation auch über die Artengrenzen hinaus beruhen.
Die Naturgegebenheit des auf brutalen Konkurrenzkampf des gegenwärtigen anarchischen neoliberalen Kapitlismus eben in Frage stellt und diese nur als eine, die zerstörerische Komponente oder Seite der Entwicklungsmedaille ausweist.
Entwicklung gründet sich schon auch auf Konkurrenz aber der überwiegende Teil der Entwicklung entsteht aus Kooperation.
Das kindliche Bild des im 19. Jahrhunderts zum letzten Höhepunkt romatischer Idee vom Genie, dem Künstler, der Künstlerin die in der fortführung des Gedanken des von einem Gott auserwählten Herrschers, das dann vom kapitalistischen Marketing in den Popstar und Megakünstler umformatiert und vermarktet wurde und noch wird, löst sich jetzt langsam in die Erkenntis das diese Vorstellungen nicht nur Unsinn sondern auch fürdie Gesellschaft gesamt schädliche Auswirkungen hat.
Wie sehen wir uns heute und was sind die praktischen Strategien und Auswirkungen auf die Kunst und ihre zukünftige Produktion, Rezeption und letztlich auch Kommunikation im inhaltichen wie ökonomischen Sinn?

Welche Normalität wollen wir nach der Krise?

Kunst-/ theoretische, philosophische, wie unbedingt auch praktische und persönliche Statements und Diskussionen zum Thema sind hier willkommen.
Ich freue mich schon auf eine lebendige Diskussion und mögliche Modelle für die gegenwärtige Situation und zu erwartende zukünftige Kontexte.

bis bald in diesem Forum

Thomas
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1 Beiträge

Re: Zukunftsforum - future - art - strategies

Beitrag von pnickel »

"Wie sehen wir uns heute und was sind die praktischen Strategien und Auswirkungen auf die Kunst und ihre zukünftige Produktion, Rezeption und letztlich auch Kommunikation im inhaltichen wie ökonomischen Sinn?" fragst du, Thomas. Und auch "Welche Normalität wollen wir nach der Krise?".

Meine Sache ist zwar nicht unbedingt der schriftliche Diskurs in einem Forum, aber die Zusammenarbeit ist es sehr wohl und unbedingt!

Schon die gegenseitige, morgendliche Benachrichtigung per Messenger an eine Gruppe von z.B. anderen Schreibenden, sorgt erfahrungsgemäß für einen konsequenteren und lustvolleren Schreibbeginn. Herumeiern war gestern...

Ein weiteres Beispiel aus demselben Bereich bewirkt ähnliches: Gegenseitige Besuche anderer Schreibender sorgen (jede/r für sich, aber doch miteinander) für gemeinsame Schreibzeiten und Schwung. Mit ihren nur kurzen, aber dennoch wertvollen Plauderein zu Beginn und am Ende jeder Phase haben diese Treffen aber auch einen wunderbaren Nebeneffekt. Da werden Informationen geteilt, Blicke über den eigenen Tellerrand provoziert und Rücken werden gestärkt.

Unabhängig davon also, ob ein gemeinsames Projekt konkreten Anlass zur längerfristigen Zusammenarbeit gibt oder "nur" der Wunsch nach zeitlich-räumlichem Teilen einer gemeinsamen Arbeitsumgebung. Im gemeinsamen Austausch - gezielt moderiert oder bloß informell - steckt für mich jede Menge Potential. Und zwar für kreative ebenso wie soziale oder auch politische Ideen.
Erst recht, wenn aus echtem Interesse an Verständigung und grundlegender Wertschätzung verlässliche Unterstützung wird.

Vielleicht, wär' mein Gedanke auf die Schnelle, sollten wir auch in eop eine Vielzahl solcher Fäden spinnen und spannen? Im Kleinen aufgegriffen, so wissen wir spätestens seit Ariadne, führt mancher Faden an einen ersehnten Ort.

Administrator
1 Beiträge

Re: Zukunftsforum - future - art - strategies

Beitrag von admin »

Liebe Community.

Nachdem hier der Zugang noch nicht offen genug ist und das Thema in seiner Offenheit zu unspezifisch scheint, was mir allerings nicht so scheint. Will ich mit einem dringlichen Spezifikum des freien Diskurses, das die Kunst, die Systemkybernetik und die Organisation unserer selbst, der Spezies unseres Planeten und unsere Navigationskomponenten, was wiederum die Kunst adressiert, ansprechen. Es geht um Julian Assange. Eine menschliche Tragödie, die eine Tragödie der freien Gesellschaft, eine Schweinerei der Unaufrichtigkeit, die schon seit Jahren, jetzt aber im mortalen Endstadium schon Monaten unter den Teppich gekehr, die äusserst prekäre Situation der Demokratie in seiner - in der aufgezeichneten Menschheitsgeschichte - bereits dritten Dekadenzphase der Zivilisation befindlich, anspricht.

Mich interessiert was ihr dazu zu sagen habt:

«Ich habe noch nie einen vergleichbaren Fall gesehen»: Nils Melzer, Uno-Sonderberichterstatter für Folter.
«Vor unseren Augen kreiert sich ein mörderisches System»

Eine konstruierte Vergewaltigung und manipulierte Beweise in Schweden, Druck von Grossbritannien, das Verfahren nicht einzustellen, befangene Richter, Inhaftierung, psychologische Folter – und bald die Auslieferung an die USA mit Aussicht auf 175 Jahre Haft, weil er Kriegsverbrechen aufdeckte: Erstmals spricht der Uno-Sonderberichterstatter für Folter, Nils Melzer, über die brisanten Erkenntnisse seiner Untersuchung im Fall von Wikileaks-Gründer Julian Assange.
Hier der Link zum Artikel:
https://www.republik.ch/2020/01/31/nils ... an-assange

Michael Bliem
https://michael.bliem.org
1 Beiträge

was kann man eigentlich gegen kunst haben?

Beitrag von mbliem »

kunst wird ja eigentlich von allen geschätzt.

künstler und künstlerinnen auch.

aber was kunst ist und was nicht, und damit auch, wer künstler*in ist oder nicht, das ist (zumindest in der westlichen welt) längst nicht mehr jedem klar.

wir alle (hier) wissen es, aber ich werde jetzt so schreiben, als wüßte ich es nicht, um hoffentlich auf fragen antworten zu bekommen, die immer drückender und unausgesprochener meine und unsere existenzberechtigung in frage stellen:
  • wir machen nichts, was wirklich wichtig ist!
  • es reicht, wenn wir irgendeinen heißen oder kühlen geistigen dampf ablassen, um das, was wir tun, als kunst bezeichnen zu dürfen.
  • wir nennen uns künstler*in obwohl wir nicht mehr können als jeder andere auch.
  • wir sind nestbeschmutzer und beißen die hände die uns füttern.
und wenn ich mich mit assange vergleiche und wenn ich nur schaue, was ich tatsächlich mache um IHM zu helfen, dann:
  • hab ich wirklich das gefühl, dass ich nichts wirklich wichtiges mache!
  • finde ich auch, dass kunstler*innen immer nur hirnwichsen.
  • wir zwar mehr sehen, als alle anderen, aber wirklich nicht mehr - sondern oft sogar weniger - (tun) können, als alle anderen.
  • wir immer damit beschäftigt sind, tolle sachen zu machen, aber nie dafür bereit sind, wichtige dinge zu machen.
ist kunst wirklich wichtig???
und wenn sie es nicht ist, wird sie es in zukunft wieder sein?

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